Menschwerdung – PUNK, Bibel und barocke Farben

Nur um das gleich abzuräumen: Ich war nie, was der Volksmund seit den 80ern einen Punk nennt, auch wenn ich ab und an mit einem blauen Irokesen liebäugelte. Bis heute bin ich lieber allein mit Farben, Leinwänden und lauter Musik, statt mit viel zu vielen Menschen auf Partys oder Konzerten mit viel zu lauter Musik. Und so gerne ich Bonaparte höre. Am Ende verliere ich mich doch wieder in den unendlichen Weiten jenes musikalischen Meeres, das Johann Sebastian Bach heißt. Und trotzdem fühle ich eine tiefe Verbundenheit mit dem, was man so „Punk“ nennt. Was meine ich damit?

Die Weisheit der Kleinen, Mischtechnik, 2021, 120 x 100 cm
Die Weisheit der Kleinen, Mischtechnik, 2021, 120 x 100 cm

Punk ist Schreien, Schreien gegen eine Harmonie, die nur Fassade ist. Aufgewachsen bin ich in der Vorstadt, neben einer der größten Obdachlosenunterkünfte der „Weltstadt mit Herz“. Armut war im München der achtziger schon eine Schande: Wer nicht ins Bild der aufgebrezelten Hauptstadt der Trachtentoskana passte, musste weg, egal ob Obdachlose, Prostituierte, Punks oder Schwule. Denn die, die sich schön und wichtig fanden, wollten ungestört Party machen und die Spalten der Klatschkolumnen füllen. Das große Geld wurde eher im Hintergrund gemacht, gerne auch mit den Saudis, deren vollverschleierte Frauen die Geschäfte der Juweliere füllten. Alle herzlich willkommen geheißen auch von den christsozialen Trachtentaliban, die in den Bierzelten sonst vor der Islamisierung des christlichen Europas warnten.

Sami Zimmermann Die-Samaritanerin
Die Samaritanerin, Mischtechnik, 2021, 120 x 100 cm

In München war es die Zeit eines Ordnungshüters im ewigen Trachtenjanker, Peter Gauweiler. Er wollte Aidskranke in Lager sperren und trieb die Prostituierten vor die Tore der Stadt. Aber er war nicht der einzige, der in Armut, Gebrochenheit und in alternativen Lebenskonzepten nur den Fleck auf dem Hochglanz-Werbeprospekt der „Weltstadt mit Herz“ sah. Von wegen Weltstadt und von wegen Herz! Ein spießiges Kaff mit steinernem Herz, das war das offizielle München. Inzwischen hört man, dass München gar kein Herz mehr hat. Leider ausverkauft mit der ganzen Innenstadt an einen österreichischen Millionär. Aber das lebendige Herz hat in München nie in der Mitte geschlagen.

Der Mann von Gerasa 2020
Der Mann von Gerasa, Mischtechnik, 2020, 70 x 150 cm

Vielleicht liegt es daran, dass ich seit Kindheit mit höchsteigenen seelischen Abgründen ausgestattet bin, wenn es mit dem Wegschauen weniger klappte. Deswegen wirkte vermutlich auch die öffentlich rechtliche Gehirnwäsche mit der selig selbstzufriedenen Dauerschleife, „da bin I dahoam“, nicht. Jedenfalls fühlte ich mich immer besonders fremd, wenn die „Heimat“ mal wieder zum selbstzufriedenen Schulterklopfer wurde. Warum? Na, es gibt halt die Untertöne, nicht immer, aber oft: „Unsere“ Heimat! Und: Mia san mia. Und was neu und ungewohnt ist, ghört weg, stört nur den Frieden im Hergottseck.

Ecce homo – Im Namen der Menschenrechte, Mischtechnik, 2007, 60 x 80 cm
Ecce homo – Im Namen der Menschenrechte, Mischtechnik, 2007, 60 x 80 cm
Isaak, Mischtechnik, 2008, 50 x 50 cm
Gott ist gut, Abram, Mischtechnik, 2008, 50 x 50 cm
Gott ist gut Isaak, Mischtechnik, 2005
Gott ist gut Isaak, Mischtechnik, 2005

In den Jesuitenorden bin ich also irgendwie vermutlich aus zwei Hauptgründen eingetreten. Ich wollte mir selbst den Weg zur Idylle verbauen, mich schicken lassen an die Ränder, wo nicht alles gut ist. Und irgendwie hoffte ich wohl auch, irgendwann vielleicht doch noch Frieden machen zu können mit meinem Herrgott und seiner Welt, mit oder trotz all dem Müll. Und manchmal habe ich fast das Gefühl, es könnte ab und an geklappt haben, bis hierher und heute wenigstens. Und das, obwohl der Orden natürlich auch alles Andere ist, als die heile Welt vom anderen Stern der reinen Idealisten.

Exit, Mischtechnik, 2005, 100 x 100 cm
Exit, Mischtechnik, 2005, 100 x 100 cm
Christopher ein Fluchthelfer, Mischtechnik, 2018, 80 x 100 cm
Von Christopher und anderen Fluchthelfern, Mischtechnik, 2018, 80 x 100 cm

Aber ich habe im Orden und auf dem Weg Gefährtinnen und Gefährten gefunden, die verstanden haben, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist, wenn man sie einmal vom Rand her angeschaut hat. Dass es nicht einfach weiter gehen kann, wie bisher und wie gewohnt, weil eben nicht alles gut ist. Aber dass vielleicht doch alles gut werden kann, Schritt für Schritt. Die Welt ist nie wieder die Gleiche, wenn man sie einmal vom Rand, oder vom Abgrund her angeschaut hat. Das zu verstehen, ist „Punk“. Setz Dich doch einfach einmal wieder zu einem dieser Abgeschriebenen, z.B. auf die Parkbank dort. Und schau mit ihm oder ihr auf die Welt: Wie unerträglich kaputt die ist und wie unbeschreiblich schön trotzdem.

Pieta, Mischtechnik, 2015, 120 x 140 cm
Pieta, Mischtechnik, 2015, 120 x 140 cm

„Punk“, also Müll verrät übrigens auch viel darüber, wie wir leben. Für einige Künstler in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts begann der Tag noch mit dem Spaziergang um das Viertel: Weggeworfenes sammeln, daraus Kunst machen, um den recycelten Müll dann über Galeristen wieder in den ewigen Kreislauf von Handel und Konsum einzuspeisen. Ästhetische Auferstehung nach funktionalem Tod! Funktioniert heute nur noch in den blitzblank gewienerten White Cubes der Museen. Heute trittst Du in den meisten Innenstädten nur noch in Hundescheiße. Wir wollen das Leben sauber, ohne Flecken und ohne Brüche! Deswegen alles blitzeblank weggetrennt und wegrecycelt. Alles? Naja alles, außer der endlosen Lawine von visuellem Müll. Meine Frage: Gibt es da Recycling?

Mann im Schnee und Faschingsgeister, Mischtechnik, 2013, 100 x 120 cm
Mann im Schnee und Faschingsgeister, Mischtechnik, 2013, 100 x 120 cm
An den Grenzen Europas – Mann mit Kind, Mischtechnik, 2005, 80 x 100 cm
An den Grenzen Europas – Mann mit Kind, Mischtechnik, 2005, 80 x 100 cm

Tatsächlich habe ich mich immer gefragt: Leute, wie macht Ihr das bloß? Wie kriegt Ihr diese Bilder los? Kommt Ihr damit klar? Ich nicht! Bilder aus den Nachrichten, den Shows, den social Media … Wie verarbeitet Ihr das alle Farben schluckende Grau des Staubs der brennenden Twin Towers, das Gelb der Schlauchboote treibend auf dem endlosen Blau des Mittelmeeres, den Blick des Mannes, der sein verhungertes Kind in Armen trägt, die Gebirge aus Leichensäcken in Bergamo … Wie kriegt Ihr, wie kriegen wir diese Bilder los? Und wie finden wir wenigstens wieder halbwegs seelische Stabilität und inneren Frieden?

Pieta, 2013, Mischtechnik, 70 x 100 cm
Pieta, 2013, Mischtechnik, 70 x 100 cm
Europas Grenzen, Mischtechnik, 2018, 80 x 100 cm
Europas Grenzen, Mischtechnik, 2018, 80 x 100 cm

Und was machen die Bilder mit und in uns? Die obszönen Inszenierungen von Reichtum und Konsum in den Shows und Soaps; Die bösartige Exposition der Hilflosigkeit von Armen und Schwachen; Die orgiastischen Bilder überwiegend männlicher Herrschafts- und Gewaltausübung; Die rosa Barbieästhetik, mit der Frauen ewig auf das „Mädchen“ reduziert werden, eine einzige Unterwerfungsorgie unter ästhetische Stereotype, die sich das Patriarchat nicht bösartiger hätte ausdenken können; … Findet Ihr das nicht auch infizierend? Durch welche Risse in unseren Seelen sickern die Bilder in uns ein, vorbei an den Auffangbecken unserer Rationalität, wecken unsere Albträume, bestimmen unsere Fantasien und lassen die alten Muster von der Kette unserer aufgeklärten Vernunft?

Salome
Salome, Mischtechnik, 2020, 70 x 100 cm
Ermordeter Hase, Mischtechnik, 2009, 60 x 80 cm
Ermordeter Hase, Mischtechnik, 2009, 60 x 80 cm

Irgendwann, schon als Kind, habe ich entdeckt: Mir hilft nur, mir die Bilder von der Seele malen. Malen bedeutet für mich Schmerz fressen und Dämonen austreiben mit Farben von harter, strahlender Klarheit und brüllender Gebrochenheit. Brüllen und Lachen! Und dabei ästhetische Stereotype auf die Spitze treiben und zu untergraben bis es kracht und weh tut! Das ist Punk für mich, der Barock der Gegenwart.

Flucht nach Ägypten, Mischtechnik, 2019, 120 x 140 cm
Flucht nach Ägypten, Mischtechnik, 2019, 120 x 140 cm
Macht macht ..., Mischtechnik, 2003, 50 x 50 cm
Macht macht …, Mischtechnik, 2003, 50 x 50 cm

Und irgendwann wurde mir klar: Mit diesem „Punk“, mit diesem „wertlosen Zeug“, wie die unfrisierten Menschen am Rand von den selbsternannten Blockwarten der besseren Gesellschaft seit Shakespeares Zeiten genannt werden, lebte Jesus auf der Straße. Bei ihnen lässt er sich finden. Warum? Weil dort unsere Routinen enden. Und mit ihnen unsere Selbstsicherheit und all die Geschichten unserer Erfolge, mit denen wir die „Verlierer“ aussperren und Andere deklassieren; Es ist das Ende auch all der Scheinsicherheiten, mit denen wir vor uns und vor anderen zu verheimlichen suchen, wo unsere Abgründe und Brüche liegen.

Jesu Weg ins Freie, Mischtechnik_, 2011, 70 x 120 cm
Jesu Weg ins Freie, Mischtechnik_, 2011, 70 x 120 cm
In den Sand geschrieben, Mischtechnik, 2020, 70 x 100 cm
In den Sand geschrieben, Mischtechnik, 2020, 70 x 100 cm

Da also, wo alle unsere ausgefahrenen Gleise enden, tut sich ein Spalt auf, durch den Neues ans Licht kommt: Unerwartete Zuwendung, Hände, die sich reichen, ein Lächeln unter Tränen, menschliche Größe bei aller Gebrochenheit. Es sind diese Schrunden in der glatten Oberfläche unseres Lebens, wo, ohne die Katastrophen zu leugnen, sich einfach Menschwerdung ereignet.

Junge Frau, Mischtechnik, 2013, 100 x 120 cm
Junge Frau, Mischtechnik, 2013, 100 x 120 cm
Menschwerdung, Mischtechnik, 2005, 70 x 100 cm
Menschwerdung, Mischtechnik, 2005, 70 x 100 cm

„Punk“, wie viele wunderbare Menschen ich unter denen entdecken durfte, die schon abgeschrieben waren. Ob im Haus zu Resozialisierung von obdachlosen Jugendlichen, im Jugendgefängnis, in der Feier von Kar-und Ostertagen mit Menschen ohne Dokumente; Im Gestrüpp am Rande einer deutschen Stadt mit Bewohnern eines wilden Obdachlosencamps verbunden in der sprachlosen Trauer um einen verstorbenen Mitbewohner. Überlebenskünstler, durfte ich kennenlernen, wie jenen Jungen, der – offenbar zu Unrecht – zu lebenslanger Haft in einem US-Gefängnis verurteilt worden war. Er gründete mit Gefährten dort ein Kloster. Was für eine beeindruckend surreale Weise, sich seine Freiheit zurück zu erobern und sich nicht dem Diktat der Gangs zu unterwerfen. Ich traf Menschen, die allen Grund zur Klage gehabt hätten. Sie schenkten mir und dem Leben ein Lächeln. Und sie klagten viel weniger als mancher Dauernörgler aus den Komfortzonen des Lebens. Ich bestaunte die unbeugsame Kraft von Menschen, die sich um hingebungsvoll um andere kümmerten, obwohl sie selbst so wenig zu haben schienen. Sie alle habe ich im Leben und im Malen entdecken dürfen, während ich Jesus nachrannte. Und mit und bei ihnen habe ich auch IHN getroffen, dem ich nachrannte. Ich habe ihn mehr kennen und lieben gelernt. Und ganz nebenbei geschah es auch an mir, Menschwerdung!

Emmaus, Mischtechnik, 2011, 70 x 170 cm, verkauft
Emmaus, Mischtechnik, 2011, 70 x 170 cm, verkauft
Übers Wasser laufen, Mischtechnik, 2021, 70 x 100 cm
Übers Wasser laufen, Mischtechnik, 2021, 70 x 100 cm
Am Strand mit nem Engel und ner Molle Bier, Mischtechnik, 2017, 100 x 120 cm
Am Strand mit nem Engel und ner Molle Bier, Mischtechnik, 2017, 100 x 120 cm

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